Jeder Mensch trägt eine Vielzahl von Erfahrungen, Erinnerungen und inneren Prägungen in sich. Diese unterschiedlichen Lebensgeschichten formen unsere Persönlichkeit – ähnlich wie die Kapitel eines Buches, die gemeinsam erzählen, wer wir sind. Manche Erfahrungen stärken uns, andere hinterlassen Verletzungen oder innere Konflikte.

Im Alltag zeigen sich diese Erfahrungen als inneren Anteile: Ein Teil in uns möchte vielleicht funktionieren und stark bleiben, während ein anderer sich erschöpft, verletzt oder ängstlich fühlt. Manche Anteile übernehmen mit der Zeit sehr starre Rollen, um uns zu schützen. Dadurch entstehen oft wiederkehrende Muster, innere Spannungen, körperliche Beschwerden oder das Gefühl, in bestimmten Gedanken, Emotionen oder Verhaltensweisen festzustecken.

Hier setzt IFS (Internal Family Systems), auch «Arbeit mit der inneren Familie» genannt, an. Die Methode betrachtet das Individuum als ein inneres System verschiedener Persönlichkeitsanteile, die miteinander in Beziehung stehen – ähnlich wie Mitglieder einer Familie. Der Begriff «innere Familie» kann zunächst ungewohnt wirken – gemeint sind damit keine eigenständigen «Persönlichkeiten», sondern innere Reaktionen, Schutzmechanismen, Gefühle und Aspekte.

Einige dieser inneren Anteile arbeiten gut zusammen, andere geraten in Konflikt oder versuchen auf belastende Weise, Kontrolle und Sicherheit aufrechtzuerhalten. Das Ziel von IFS ist nicht, Anteile zu bekämpfen oder «loszuwerden». Stattdessen geht es darum, ihre ursprüngliche Funktion zu verstehen und einen achtsamen Zugang zur eigenen Innenwelt und Körper zu entwickeln.

IFS ist ein wissenschaftlich anerkanntes Therapieverfahren und wird bei unterschiedlichen psychischen und körperlichen Belastungen eingesetzt. Besonders häufig findet die Methode Anwendung bei Depressionen, Angststörungen, Traumafolgestörungen (PTBS), emotionalen Belastungen sowie chronischen Schmerzen. Gerade in der Traumatherapie gilt IFS als besonders achtsam und stabilisierend, da die Arbeit in einem sicheren und behutsamen Rahmen erfolgt.

Die Sitzungen können vor Ort, telefonisch oder online stattfinden. Online- oder Telefonsitzungen eignen sich für die IFS-Arbeit sehr gut, ohne dass dabei die therapeutische Qualität verloren geht.

Nach dem IFS-Modell lassen sich innere Anteile grob in drei Kategorien einteilen: Manager, Feuerbekämpfer und Verbannte.

«Manager»

Manager sind aktive Beschützer des inneren Systems. Sie sorgen dafür, dass der Alltag bewältigt wird und das Verhalten gesellschaftlich angepasst bleibt. Ihr Ziel ist es, unangenehme Gefühle oder schmerzhafte Erfahrungen unter Kontrolle zu halten. Beispiele hierfür sind innere Kritiker:innen, perfektionistische oder ambitionierte Anteile sowie kontrollierende Persönlichkeitsanteile.

«Feuerbekämpfer»

Feuerbekämpfer (Firefighters) handeln dagegen eher reaktiv. Sie werden aktiv, wenn ein verbannter Anteil an die Oberfläche zu treten droht und damit starke emotionale Belastungen auslöst. Um den «emotionalen Brand» zu löschen, greifen sie häufig zu drastischen Mitteln, die kurzfristig Erleichterung verschaffen. Dazu gehören beispielsweise Suchtverhalten, Wutausbrüche, exzessive Ablenkung oder selbstverletzendes Verhalten.

«Verbannte»

Verbannte (Exiles) sind verletzliche und häufig traumatisierte Anteile, die schmerzhafte Gefühle wie Angst, Scham, Trauer oder Ohnmacht in sich tragen. Oft sind die Erfahrungen, die sie verkörpern, so belastend, dass sie vom bewussten Erleben abgespalten und aus dem Alltag ausgegrenzt werden.

Wie ich zu IFS kam

Nach meiner Ausbildung zur Sexologin und Paarberaterin spürte ich den Wunsch, Menschen mit schwierigen Lebenserfahrungen noch tiefer begleiten zu können. Über ein Hörbuch stiess ich schliesslich auf die IFS-Methode. Bereits ein Einführungsseminar genügte, um das Gefühl zu bekommen, in einer Methode ein echtes Zuhause gefunden zu haben. Dieses Gefühl bewegte mich dazu, die gesamte Ausbildung zu absolvieren.

In IFS fand ich eine einzigartige Verbindung aus Self-Compassion, meinen eigenen Erfahrungen mit Meditation – ich lebte Anfang zwanzig einige Zeit in Indien und praktizierte Vipassana-Meditation – sowie einer äusserst wirksamen therapeutischen Methode. Besonders berührt mich dabei, dass IFS ohne das klassische therapeutische Machtgefälle arbeitet: IFS stärkt Selbstmitgefühl und Selbstermächtigung und fördert dadurch auch die Unabhängigkeit der Klient:innen. Meine Aufgabe ist es, den Raum zu halten, Orientierung zu geben und den Prozess mit Mitgefühl, Respekt und Vertrauen zu begleiten.

Aus eigener Erfahrung und aus der Arbeit mit Klient:innen weiss ich, wie effizient und transformierend IFS sein kann. Oft wird IFS zu einem echten «Game Changer» – selbst dann, wenn Themen bereits über Jahre hinweg in Therapien besprochen wurden. IFS ermöglicht einen anderen Zugang als viele klassische Therapieformen oder Methoden.

Es ist, als hätte man jahrelang über ein Buch und seine einzelnen Kapitel gesprochen, dabei aber die eigentlichen Charaktere, ihre Funktionen, Bedürfnisse und Wünsche völlig übersehen. Mit IFS können die Kapitel des Lebens neu geschrieben werden – und aus innerem Chaos oder Krieg kann Schritt für Schritt mehr innerer Frieden entstehen.




IFS: Entstehung und Vorteile